Auferstehung in München

von Heribert Rösgen

„Fortunas Grabstein war doch schon gemeißelt“, sagte einer kurz nach 16 Uhr an jenem denkwürdigen 1. Juni, einem Sonntag in München-Giesing, im Stadion an der Grünwalder Straße. 2:1 hatte Fortuna Köln das Rückspiel in der Relegation um den Aufstieg in die dritte Fußballbundesliga verloren. Das eine Tor, das die Kölner in der allerletzten Sekunde des Spiels erzielen konnten, pulverisierte den Grabstein gewissermaßen.

Ohnehin war er nur ein Gedankengebilde, ein weiterer Beleg für die stete Nähe zu Tod und Trauer, die der Fußballfan verspürt. Wäre das Tor nicht erzielt worden, hätten die Zeichen in der Tat auf möglichen Abgang gestanden. Ob die Kölner Fortuna wirklich zu Grabe getragen worden wäre, ist Ansichtssache. Einen schwarzen Sarg trugen einige Fans schon einmal im Jahr 2000 durch die Straßen des Kölner Stadtteils Zollstock, wo der Verein seine Wurzeln hat. Damals musste die Fortuna Abschied nehmen aus der Zweiten Bundesliga – nach immerhin 26 Jahren Zugehörigkeit.

Fraglos keine Ewigkeit und auch der vermeintliche Tod des Klubs war damals keineswegs ultimativ.

Die unfassbar emotionalen Szenen von München-Giesing, mit denen Aufstieg und Auferstehung zugleich gefeiert wurden, waren sicher dem magischen Moment geschuldet, in dem der Ball doch noch die Münchner Torlinie überquerte. Nichts einzigartiges indes. Tore, die in letzter Sekunde ein Spiel, eine Meisterschaft oder ein Finale entschieden, sind eigentlich das, was das Wesen des Spiels ausmacht.

Gleichwohl ist in solchen Augenblicken schnell das Wort „Wunder“ ausgesprochen. Und das verbinden eben viele rasch mit dem Tod, der durch das „Wunder“ abgewendet werden konnte. Womit wir also wieder in Giesing wären. Keine Beerdigung, kein Trauerzug, sondern Weihnachten, Ostern und Pfingsten an einem Tag. Übrigens nicht nur in München und Köln wurde gejubelt, auch in Krefeld, wo durch den Aufstieg der Fortuna nämlich der Abstieg des KFC Uerdingen verhindert werden konnte. Auch dort hatten nicht wenige für diesen Fall schon den endgültigen Abgang des Klubs prophezeit.

Vor solchen Hintergründen ist das eigentliche Wunder, dass Spieler überhaupt noch in der Lage sind treffsicher den Ball ins Tor zu bugsieren.

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